Wenn ein junger Hund plötzlich nicht mehr laufen kann
Wenn ein Hund plötzlich nicht mehr laufen, spielen oder aufstehen möchte, bricht für viele Halter:innen eine Welt zusammen. Besonders tragisch ist es, wenn das Tier noch jung ist – wie im Fall von Grammy, einer imposanten, sanftmütigen Landseer-Hündin, die im Alter von nur elf Monaten begann, ihre Hinterläufe kaum noch zu benutzen.
Was zunächst wie eine harmlose Wachstumsstörung oder Muskelzerrung wirkte, entpuppte sich als ausgeprägte Hüftdysplasie (HD). Doch für Grammy bedeutete diese Diagnose nicht das Ende ihrer Bewegungsfreude, sondern den Beginn einer medizinischen Premiere:
Sie wurde die erste Hündin in Deutschland (Hannover), die mit der innovativen 3D-HIP-Technologie behandelt wurde – einem Verfahren, das die Hüftchirurgie bei Hunden revolutionieren könnte.
Ausgangssituation
Zum Zeitpunkt der Diagnose war Grammy eine kräftig gebaute, freundliche und verspielte Junghündin. Doch ihr Verhalten änderte sich zusehends:
Sie tat sich beim Aufstehen schwer
Sie vermied Treppen
Selbst beim Ballspiel gab sie rasch auf
Schließlich verweigerte sie Spaziergänge vollständig und verbrachte den Großteil des Tages liegend.
Die orthopädische Untersuchung im Tiergesundheitszentrum List zeigte deutliche Schmerzreaktionen bei der Manipulation der Hüftgelenke sowie eine verminderte Muskulatur der Hinterhand.
Das anschließende HD-Röntgen ergab eine B1-Bewertung – eine leichte Form der Hüftdysplasie, die in Kombination mit den klinischen Symptomen auf eine funktionell relevante Gelenkfehlstellung hinwies.
3D-CT-Diagnostik
Um die anatomischen Gegebenheiten exakt zu erfassen, wurde ein hochaufgelöstes 3D-CT angefertigt. Diese Bildgebung ermöglichte eine detaillierte, dreidimensionale Analyse von:
Hüftpfanne
Femurkopf
Femurkopf-Acetabulum-Verhältnis
Die Auswertung zeigte eine deutliche Deformation der Gelenkpfanne sowie ein verschobenes Verhältnis zwischen Femurkopf und Acetabulum.
Nach interdisziplinärer Beratung wurde Grammy für die Teilnahme an der 3D-HIP-Studie zugelassen – als erste Hündin in Deutschland, bei der dieses Verfahren erprobt wurde.
3D-HIP-Technologie – Maßarbeit aus Titan
Bei der 3D-HIP-Technologie handelt es sich um ein neuartiges Verfahren, bei dem die Hüftpfanne individuell aus Titan im 3D-Druckverfahren gefertigt wird.
Grundlage ist das zuvor erstellte CT-Modell der defekten Gelenkregion. Daraus entsteht ein hochpräzises Implantat, das sich exakt an die individuelle Anatomie des Tieres anpasst.
Ziele der 3D-HIP-Technologie:
Maximale Passgenauigkeit
Optimale Lastverteilung
Dauerhafte Gelenkstabilität
Im Gegensatz zu standardisierten Implantaten berücksichtigt dieses Verfahren die biologischen und mechanischen Besonderheiten jedes einzelnen Patienten – vergleichbar mit der personalisierten Endoprothetik in der Humanmedizin.
Operation und Nachsorge
Der Eingriff wurde im Tiergesundheitszentrum List unter Leitung eines spezialisierten Chirurgenteams durchgeführt. Dank digitaler Operationsplanung konnte die Implantation besonders gewebeschonend und präzise erfolgen.
Das individuell gefertigte Titanimplantat wurde in die Hüftpfanne eingebracht und mit bioaktiven Schrauben fixiert. Der Femurkopf blieb erhalten, wodurch die natürliche Kinematik des Gelenks weitgehend bewahrt wurde.
Bereits am zweiten postoperativen Tag begann die Rehabilitation mit:
passiver Bewegungstherapie
Muskelaufbauübungen
gezielter Physiotherapie
Nach rund sechs Wochen zeigte sich ein eindrucksvolles Ergebnis:
Grammy bewegte sich wieder selbstständig, lief ohne sichtbare Schmerzen und begann, ihre Umgebung neugierig zu erkunden – so verspielt wie vor der Erkrankung.
Ergebnisse und Bedeutung
Die Nachuntersuchungen sechs Wochen postoperativ zeigten:
eine stabile, schmerzfreie Belastung der operierten Hüfte
ein nahezu physiologisches Gangbild
eine rasche Regeneration der Muskulatur
Der außergewöhnlich schnelle Heilungsverlauf spricht für die Kombination aus:
präziser Implantatanpassung
gewebeschonender Operationstechnik
konsequenter Nachsorge
Die 3D-HIP-Technologie eröffnet neue Perspektiven für die orthopädische Chirurgie – insbesondere bei großrahmigen Hunderassen mit komplexer Hüftanatomie.